Als ich gestern in Tübingen unterwegs war, hatte ich meine erste nähere Begegnung mit Scientology.
Dort haben jene einen Infostand errichtet und fleißig mit vielen Helfern und Helferinnen kleine Broschüren verteilt.
Die ersten nahm ich entgegen und überflog sie ein wenig. Die Organisation war auf dem Flyer zuerst schwer auszumachen. Erst auf der vorletzen Seite innen, sah ich eine Bemerkung, in der geschrieben stand, "Scientology von Verfassungsgericht als [blabla] anerkannt".
War für mich Grund genug, den nächsten Mülleimer aufzusuchen (mit dem Beigeschmack der Papierverschwendung).
Mein auserwählter Korb war bereits reichlich gefüllt mit identischen Broschüren.
Als ich das nächste mal am Stand vorbei kam, bekam ich wieder eine Broschüre angeboten, die ich mit einem "ah, zum wegschmeißen" entgegennahm, die nette Frau erwiderte noch rasch hinterher "nein, zum lesen".
Die Broschüre landete ebenfalls im dafür vorgesehenen Behälter.
Eine Stunde später, jenen Stand erneut passierend, habe ich wieder angeboten, die Broschüre zu entsorgen, hab mich aber dann doch in ein Gespräch verwickeln lassen, dass gute 10-15 Minuten ging.
Interessante Ausschnitte und Bemerkungen möchte ich nicht vorenthalten.
Zuerst habe ich sie direkt gefragt, ob sie von "Scientology" wäre, was sie bejahte, direkt hinterher die Frage aber mit einem "uh, ja, die sind ja ganz schlimm und böse" versucht hat, ins lächerliche zu ziehen.
Ich hingegen wollte eigentlich nur wissen, mit welcher Organisation ich es zu tun habe, nun denn.
Die Person hat mir dann direkt erklärt, wie falsch die "Medienpropaganda" doch berichten würde und dass dies alles unter der Flagge einer "eben anderen Ideologie" stattfinden würde, was man in Schulen, dem Medien etc. gelehrt bekommt.
Dies wollte ich erstmal nicht bestreiten.
Sie hat mich dann auf meine Nachfrage hin ein wenig in die Grundlagen der Scientology vertraut machen wollen, hat aber bemerkt, dass ich mich mit dem Thema schon etwas beschäftigt habe.
Sie nannte parallelen zum Buddhismus, erzählte von wissenschaftlichen Gebieten, die alle "nichts mit dem Geist" zu tun haben sollen und beteuerte, Scientology sei kein "Glaube", sondern einzig "Wissen", dass man erlangen kann.
Ich fragte also nach, was sie mir den raten würde, wenn ich nicht an einen "Geist" glauben würde.
Sie wollte mir dann auf eine etwas lächerliche Weise beweisen, dass es einen Geist gäbe.
Dazu würde ein kleiner Test genügen, den ich gerne "unter der Kontrolle der Augen meiner Freundin" machen könne.
Ich sagte ihr zwar, dass ich mich auf den Test nicht einlasse, sie mir aber gerne sagen könne, wie der Test den laufen würde.
Der Test ging wie folgt: Man schließt die Augen und stellt sich, so gut es geht, eine Katze vor. Danach solle man die Frage beantworten, wer in diesem Moment die Katze sieht.
Ich habe ihr gesagt, ich würde antworten, dass es eine visuelle Erinnerung gibt, die zu Begriffen bereits gesehene Bilder
in Gedanken projizieren könne und....dabei würde ich schon unterbrochen.
Mir war klar, welche Antwort sie wollte, welche, eine mich begleitende Person, dann zögern und etwas misstrauisch gab: "Ich". Nun erklärte sie, jenes "Ich" sei der Geist der in mir wäre.
So richtig hatte mich das nicht überzeugt.
Da sie dies mit ihrem geschulten Auge schnell erkannt hatte, lies sie das Thema fallen.
Ich wollte nun wissen, was mir diese Weisheiten denn für das Leben bringen würde.
Sie erzählt mir von bekannten Menschen, die gelernt haben, wie man sich schnell Wissen aneignet; hat mir die Fähigkeiten der Nächstenliebe zu erlernen versprochen, Kraft für den Alltag zu erhalten, sogar sexuelle Komponenten wären vertreten, welches sie mit großen Augen betonte.
Zu ihrem Bedauern bin ich auch nicht auf die "Sex sells" Nummer reingefallen.
Nun wollte ich doch mal konkrete Weisheiten von ihr erfahren. So holte sie mir vom Infostand kleines Büchlein, in dem sie mir Bilder zeigte zu denen sie jeweils etwas erzählt, was in etwa wie folgt ging:
Sie: "YX hat herausgefunden, das jeder Mensch nach Glück strebt"
Ich: "ja, ist klar und jetzt?"
Sie auf die nächste Seite geblättert: "Er hat auch rausgefunden, dass Menschen Glück für ihre Familie möchte"
Mir zwar bewusst, dass dies nicht pauschalisiert werden kann, habe ich geantwortet: "Ja, ist schon klar, weiter"
Sie: "Er hat raus gefunden, dass man sogar will, dass alle Menschen glücklich werden" und riss die Augen auf.
Ich antwortete: "Ja, weiss ich schon"
Sie: "Nein, wusstest du noch nicht"
Ich: "Doch, diese Erkenntnis habe ich schon aus den Lehren von Erich Fromm gewonnen"
Sie, blättert hastig weiter: "YX hat auch herausgefunden, dass jeder sich gerne eine Gruppe zugehörig fühlen möchte"
Sie schaut mich an: "Zum Beispiel zu den Rastas" schaut meine Begleitung an: "oder zu den Gothics oder wie man die nennt"
Ich antwortete: "ja, oder zu den Scientologen", was sie wohl ein wenig vor den Kopf gestoßen hatte, sie musste sogar lachen, überhörte mich aber dann bewusst.
Sie: "Oder zu den Hip-Hop Leuten"
Ich: "ja, oder zu den Scientologen"
Daraufhin wechselte sie wieder komplett das Thema, da sie wohl bemerkt hat, dass sie mich auf dieser Schiene auch nicht bekam.
Als ich sie noch fragte, wieso sie hier stehen würde, sagte sie irgendetwas von einem inneren Drang, Menschen helfen zu wollen. Dass sie aber niemanden Überreden möchte, sondern nur Menschen mit Interesse helfen möchte, da alles andere "sowieso nur Zeitverschwendung ist" worauf ich antwortete: "ja, so wie unser Gespräch im Moment auch".
Sie erzählte mir dann noch von irgendwelchen Sitzungen, zur persönlichen Analyse,
in dessen Erklärung ich sie alsbald unterbrach und sie fragte, ob sie das E-Meter meint, mit welchem man
Menschen mit pseudowissenschaftlichen Methoden ihre Probleme entlocken möchte um sie dadurch zu brechen.
Sie lachte nur und erwiderte, ich sei durch falsche Propaganda wohl sehr vorbelastet.
Kurze Zeit später haben wir uns entfernt, da wir keine Zeit und Lust mehr hatten, was wir ihr auch mitteilten.
Sie hat sich freundlich für das Gespräch bedankt. Ende des meetings.
Interessant war auf alle Fälle, dass man gut bemerkt hat, wie sie geschult ist, auf meine Antworten zu reagieren und auf den verschiedensten "Schienen" versucht, mir -was auch immer- schmackhaft zu machen.
Interessant war das Gespräch allemal, überzeugend hingegen eher weniger, was mich aber auch nicht verwunderte.
Sollte ich mal wieder Scientologen auf der Strasse begegnen, werde ich mich wohl von neuem auf ein Gespräch einlassen. Ich bin sehr gespannt, in wiefern sich die Argumentationsstränge gleichen, werde mich davor aber noch weiter (kritisch) Informieren.
Ggf. darf ich mir dann wieder eine Katze vorstellen....